Im letzten Monat fand einer der wichtigsten jährlichen Kongresse im Bereich der Psychologie und Psychotherapie statt. Eine unserer Teilnehmerinnen der Klinischen Gerontopsychologie war dabei und berichtet über ihre Erfahrungen:

Unsere Teilnehmerin, Frau Sonja Simon, besuchte den Workshopkongress in Erlangen und berichtet von neuen Erkenntnissen, engagierten Kollegen und neuen Lösungsansätzen:
Vom 29.05.2019 bis einschließlich 01.06.2019 nahm ich am 11. Workshopkongress für Klinische Psychologie und Psychotherapie und 37. Symposium der Fachgruppe Klinische Psychologie der DGPs in Erlangen teil. Die Veranstaltung setzte sich aus verschiedensten Elementen zusammen, durch welche die zahlreichen Facetten der modernen Psychotherapie zum Ausdruck kamen: Unter anderem Workshops, Symposien zu aktuelleren wissenschaftlichen Studienergebnissen, Treffen der Interessengruppen, Vorträge durch namenhafte ExpertInnen, einem Leitlinientreffen sowie einer Postersession. Im Laufe dieser vier Tage erhielt ich die Möglichkeit, meine im Studium erworbenen Kenntnisse mit dem aktuellsten Stand der Wissenschaft zu verknüpfen und im persönlichen Austausch einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Besonders wichtig war mir aufgrund meines Studiums die Teilnahme an den Vorträgen zur Gerontopsychologie, wo Studienergebnisse zu Wirkmechanismen und Einflussfaktoren in der Psychotherapie im höheren Lebensalter vorgestellt wurden.

Im ersten Vortrag wurde die Untersuchung zum therapeutischen Prozess in einer internetbasierten Intervention (Tele Tandem, KVT-basiert) für Angehörige von Menschen mit Demenz vorgestellt. Dort standen die Wirkfaktoren von Grawe im Vordergrund. Vergleichbar mit bisherigen Befunden komme der therapeutischen Beziehung eine prominente Rolle zu. Demgegenüber könne Problemaktualisierung mit einer erhöhten Belastung einhergehen. In einem weiteren Vortrag wurden Ergebnisse von Prozess-Outcome-Untersuchungen zur Ressourcenaktivierung vorgestellt. Innerhalb des internetbasierten Programmes TeleTandem gibt es hierfür kein gesondertes Modul. Allerdings fördere das Programm an sich die Ressourcenaktivierung und in weiterer Folge eine tatsächliche Realisierung in den Bereichen „Wohlbefinden“ und „soziale Unterstützung“.

In einem dritten Vortrag wurden Studienergebnisse zu dyadischen Interventionen für Menschen mit Demenz und pflegenden Angehörigen vorgestellt. Die wichtigsten Ergebnisse bestehen darin, dass diejenigen am besten profitieren, wo der/die PatientIn gestresster als der/die Angehörige ist. Dies läge möglicherweise daran, dass Angehörige dann noch eher einen Zugang zu wichtigen Ressourcen besitzen. Diskutiert wurde auch, dass die biologische Ebene in weiteren Untersuchungen gerade im Hinblick auf präventive Maßnahmen noch stärker in den Vordergrund treten müsse, da dort bereits „so viel passiert“ ehe in einem Fragebogen aussagekräftige Informationen erfasst werden können.

Darüber hinaus wurden Ergebnisse zum Wechselspiel zwischen inter- und intrapersoneller Emotionsregulation bei Paaren im Ruhestand vorgestellt. Hierin läge eine zentrale Entwicklungsaufgabe im späteren Erwachsenenalter. Insbesondere expressives Schreiben trage nicht nur zur Förderung der intrapersonellen Regulation bei, sondern mildere in weiterer Folge soziale Ansteckung. Am Ende wurde eine Studie zum Einfluss von „age cues“ in PatientInnenbeschreibungen auf die Einstellung von PsychotherapeutInnen vorgestellt. Die ForscherInnen kamen zu dem Ergebnis, dass PsychotherapeutInnen bei älteren PatientInnen in allen Indikatoren eine weniger positive Einstellung zeigten (insbesondere schlechtere Prognose, weniger Interesse an der Behandlung, eigene Kompetenz und negative Einschätzung). Die überschaubare Anzahl an Teilnehmenden am Symposium für Gerontopsychologie repräsentierte in meinen Augen darüber hinaus einmal mehr den akuten Handlungsbedarf gerade im Hinblick auf zukünftige Fachkräfte. Ein weiteres Anliegen war es mir, mein Wissen zu Randthemen – auch dort kam die geringe Anzahl an Teilnehmenden zur Sprache – wie Orthorexie und Binge Eating zu erweitern, welche mittelfristig sicherlich auch für die Psychotherapie älterer PatientInnen eine Rolle spielen werden. In der Behandlung von Binge Eating spielen objektive Parameter wie der BMI zu Beginn der Behandlung sowie Adhärenz eine übergeordnete Rolle. Insbesondere das Ausfüllen eines Ernährungsprotokolls bzw. die Motivation hierfür erweise sich als essentiell für die erfolgreiche Behandlung. Im Zusammenhang mit der Behandlung von Orthorexie wurden mögliche Zusammenhänge mit Somatisierungsstörungen diskutiert. Zusammenhänge zur Anorexie seien wiederum abhängig vom Motiv (Gesundes Essen, um gesund zu bleiben vs. Gesundes Essen, um attraktiver oder schlanker zu werden). Daneben wurden Studienergebnisse zur „Fortbildung per Mausklick“ vorgestellt, welche der Erweiterung von Kompetenzen in der Behandlung von Essstörungen diene. Insbesondere in den Bereichen „Wissenszuwachs“, „positivere Erwartungen“, „Wahrnehmung von Kompetenzzuwachs“ und „Rückgang der Erwartung negativer Emotionen“ konnten Fortschritte verzeichnet werden.

Insbesondere im Rahmen der Veranstaltungen zur Gerontopsychologie stellte ich fest, dass ich durch das Studium an der TUCed einen fundierten Überblick über dieses Fachgebiet erhalten habe und sich somit die Inhalte der meisten Vorträge weitestgehend mit meinen Vorkenntnissen deckten. Gleichzeitig zeigten mir die einzelnen Forschungsarbeiten einmal mehr, dass in Zukunft im Rahmen von wissenschaftlichen Untersuchungen noch differenzierter vorgegangen werden sollte, um beispielsweise noch innovativere Konzepte zur adäquaten Unterstützung für Angehörige von Demenzkranken sowie den Betroffenen selbst zur Verfügung zu stellen. In diesem Zusammenhang erhielt ich auch einige Inspirationen für meine Masterarbeit. Die besuchten Treffen waren geprägt von einem gemeinschaftlichen Austausch aller Interessierten auf Augenhöhe. Hierbei wurde immer wieder die Notwendigkeit betont, das jeweilige Gebiet mit den Nachbardisziplinen noch stärker anreichern zu müssen. Im Hinblick auf die Familienpsychologie wurden zudem Stimmen laut, welche die Aufhebung der Trennung von Erwachsenen- Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychotherapie forderten. Im Bereich der Transkulturellen Psychologie wurde außerdem sowohl für den zukünftigen Studiengang Psychotherapie als auch für die PsychotherapeutInnenausbildung die Notwendigkeit eines entsprechenden Curriculums und der Verbesserung der transkulturellen Validität von klinischen Messinstrumenten betont.

Besonders beeindruckt hat mich das Engagement und der Enthusiasmus der VertreterInnen gerade in den weniger frequentierten Veranstaltungen. Dort hatte ich die Möglichkeit, intensiver in den direkten Dialog zu treten und die vorgestellten Forschungsarbeiten gerade im Hinblick auf die Gerontopsychologie zu hinterfragen. Insbesondere im Bereich der Familienpsychologie konnte ich deutliche Bestrebungen hin zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit PatientInnen höheren Alters erkennen. Auch im Kontext des demographischen Wandels betonten die Teilnehmenden aller Veranstaltungen die Notwendigkeit, ein stärkeres Netzwerk mit VertreterInnen anderer Fachdisziplinen bilden zu wollen und suchten hierfür auch aktiv nach Lösungen. An dieser Stelle konnte ich besonders profitieren, da sich die einzelnen Interessengruppen offen gegenüber Mitglieder aus anderen Bereichen zeigten und ich mich somit einzelnen Verteilern anschloss, um auch über den Kongress hinaus regelmäßig Informationen erhalten. An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, dass sich die Interessengruppen über tatkräftige Verstärkung durch neue Mitglieder freuen.

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